Lehrstuhl für Visuelle Kommunikation
Folkwang Universität der Künste

Die Bildevolution der Epidermisprothesen

Brauchen die zeitgenössischen Stadtmenschen die Sicherheit des atmungsaktiven 3-Lagen-systems und einer Wassersäule von mindestens achttausend Millimetern, um gewappnet zu sein für ein Sommergewitter in den Straßen des Ruhrpotts? Modisch wird die Aufrüstung mit Funktionsbekleidung meist kritisiert, allenfalls Sportler sollen von hochtechnologischen Textilien in Extremsituationen Protektion und Unterstützung bekommen.

Weiter, höher, extremer dürfen also nur die Bergsteiger durch eine hochtechnologische zweite Haut und der Stadtmensch bekommt vom Fortschritt nichts ab? So einfach ist das nicht. Zu sehr haben viele das Verlangen, ein Teil der stetig voranschreitenden Innovation zu werden. ln diesem Sinn kann der Funktionsbekleidung auch eine repräsentative Rolle zugewiesen werden. Diese besagt: Ich bleibe nicht zurück, ich bin dabei auf dem Weg in die Technik der Zukunft. Ausserdem, was ist dem Menschen eine Extremsituation? Ist das nicht auch jede alltägliche Situation, in der er sich bewähren muss?

Die Outdoorindustrie bietet uns modische Unabhängigkeit, Praktikabilität und Gruppenzugehörigkeit vereint in einem Kleidungsstück. Obendrein kann, im Gegensatz zur Haute-Couture, das Gefühl von Zukunftsgewissheit geboten werden, das Gefühl für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Schwebt nicht über jedem von uns die fortwährende Bedrohung des Klimawandels? So ist es nur natürlich, dass es in dieser Zeit des Leistungsdrucks und der stetig geforderten Abrufbereitschaft erstrebenswert erscheint, die bestmögliche Ausgangssituation für alle Lebenslagen zu erlangen.

Die der Kleidung angehefteten Illustrationen wirken als Preisungen der Nützlichkeit und Effektivität, wie sie kein Mensch allein erreichen kann. Gleichzeitig zeigen sie uns die Möglichkeit auf, dem Wetter in spektakulärer Weise zu trotzen. Die emotionalisierende Bildsprache ist es, die uns in den Bann ziehen soll. Hier werden nahezu religiös verherrlichende Darstellungsweisen mit technischen und wissenschaftlichen vermischt, sodass es passiert, dass ein Pfeil einen heilig anmutenden Schein oder ein abperlender Wassertropfen die triumphale Dynamik eines Rubens-Gemälde erhält. Dennoch bleibt der wissenschaftliche Charakter immer erhalten, Pfeile, Ebenenausschnitte und Beschriftungen schaffen den unwiderstehlichen Eindruck von geballter Kompetenz.

Ordnung der Bildsprachen.
Projektseminar

Semester-Projekt von Denise Werth
[2014]

Betreuende Professoren:
Prof. Hans Günter Schmitz (Konzeption/Gestaltung), Dr. Bernhard Uske (Theorie)